LRS und Legasthenie: erste Anzeichen erkennen
Fachlich geprüft am 12. Juli 2026 · schuNa-Lernredaktion
Kurz beantwortet
Erste Anzeichen sind langsames, stockendes Lesen mit häufigem Verrutschen in der Zeile und auffällig viele, wechselnde Rechtschreibfehler, oft schon beim Abschreiben. Solche Muster sind ein Anlass, genauer hinzuschauen, keine Diagnose. Gesichert wird eine LRS erst durch standardisierte Tests bei Fachleuten, frühestens etwa ab Mitte der zweiten Klasse.
Was hinter LRS und Legasthenie steckt
Vorweg das Wichtigste, damit Sie durchatmen können: Eine Lese- und Rechtschreibstörung, kurz LRS und im Alltag oft Legasthenie genannt, hat nichts mit mangelnder Begabung oder Faulheit zu tun. Fachlich ist sie eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Das bedeutet, die Lese- oder Rechtschreibleistung liegt deutlich unter dem, was man nach Alter, Klassenstufe und Intelligenz erwarten würde, während das Kind sonst ganz normal denkt und lernt. Ein kluges, wortgewandtes Kind kann also ausgeprägte Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Das Wort „Störung“ ist dabei ein Fachbegriff, kein Werturteil.
Und Sie sind damit nicht allein. Je nach Definition und Studie sind etwa 3 bis 8 Prozent der Kinder betroffen, Jungen etwas häufiger als Mädchen. Ein Kind mit diesen Schwierigkeiten ist also kein Einzelfall. Die Anzeichen sind gut bekannt, und es gibt etablierte Anlaufstellen und wirksame Hilfen.
Erste Anzeichen beim Lesen
Am Lesen fällt oft zuerst etwas auf. Typisch ist ein sehr langsames, stockendes Lesen, bei dem das Kind häufig die Zeile verliert. Wörter, Silben oder einzelne Buchstaben werden ausgelassen, hinzugefügt, vertauscht oder verdreht. Auffällig ist auch, wenn das Textverständnis leidet: Ihr Kind hat einen Satz mühsam entziffert und kann anschließend kaum sagen, worum es ging.
Ein Beispiel aus dem Familienalltag: Ein Zweitklässler liest einen einfachen Satz aus dem Lesebuch Wort für Wort, verrutscht mehrfach in der Zeile und rät bei den Endungen, aus „Baum“ wird „Bäume“. Danach kann er nicht wiedergeben, was er gerade gelesen hat, obwohl er den Inhalt sofort versteht, wenn ihm jemand denselben Satz vorliest. Genau dieses Missverhältnis zwischen gutem mündlichem Verständnis und mühsamem Lesetempo ist ein Warnsignal, das man ernst nehmen sollte.
Erste Anzeichen beim Schreiben
Beim Schreiben zeigt sich ein zweites Muster: eine auffällig hohe Fehlerzahl, und zwar nicht nur bei Diktaten, sondern sogar beim reinen Abschreiben von der Tafel. Charakteristisch ist, dass dasselbe Wort im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben wird und dass es kein einheitliches, „logisches“ Fehlermuster gibt. Auch formähnliche Buchstaben wie b und d oder p und q werden verwechselt.
Stellen Sie sich vor: Ihr Kind schreibt „Fahrrad“ innerhalb einer Seite dreimal anders falsch, etwa „Farat“ und „Fahrat“, und vertauscht dabei b und d. Selbst wenn das Wort an der Tafel steht, bleiben viele Fehler. Das deutet auf mehr als Flüchtigkeit hin, denn nicht einmal die Vorlage hilft zuverlässig.
Ein wichtiger Hinweis zur Einordnung: Buchstaben zu verdrehen oder umzustellen gehört am Schulanfang zur normalen Schriftentwicklung fast aller Kinder. Aussagekräftig wird es erst, wenn solche Fehler deutlich häufiger auftreten und über längere Zeit bestehen bleiben. Ein einzelnes Merkmal ersetzt niemals eine Diagnostik.
Ein Verdacht ist noch keine Diagnose
Erste Hinweise gibt es manchmal schon im Vorschulalter, etwa einen späten Sprachbeginn, Mühe beim Unterscheiden von Lauten und Silben oder Schwierigkeiten beim Reimen. Trotzdem lässt sich eine belastbare Diagnose erst nach Schulbeginn stellen, in der Regel frühestens im Verlauf der zweiten Klasse. Vorher lassen sich anfängliche Schwierigkeiten oft noch als ganz normale Entwicklungsschritte erklären.
Festgestellt wird eine LRS nicht über Schulnoten oder ein einzelnes Diktat, sondern durch standardisierte, normierte Lese- und Rechtschreibtests, ergänzt um einen Intelligenztest. Fachleute müssen dabei andere Ursachen ausschließen, etwa Seh- und Hörprobleme oder eine allgemeine Lernbeeinträchtigung. Die Diagnose stellen Fachleute für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Was Sie zu Hause beobachten, ist wertvoll, aber es bleibt ein Anlass zum Hinschauen, kein Befund.
Was Sie konkret tun können
- Sammeln Sie über zwei bis drei Wochen konkrete Beispiele. Notieren Sie, wo genau es hakt: verrutscht Ihr Kind beim Lesen, kann es den Inhalt nicht wiedergeben, schreibt es dasselbe Wort mehrfach verschieden falsch? Solche Beobachtungen helfen jedem Fachgespräch mehr als der Satz „Deutsch läuft schlecht“.
- Nehmen Sie den Druck heraus. Sagen Sie Ihrem Kind, dass es nicht dumm ist und dass viele Kinder das kennen. Faulheits- und Dummheitsvorwürfe verstärken nur den Frust und das Vermeiden.
- Suchen Sie das Gespräch mit der Klassenlehrkraft. Sie sieht Ihr Kind im Vergleich zur Klasse und kann einschätzen, ob die Schwierigkeiten ungewöhnlich hartnäckig sind.
- Wenden Sie sich an den schulpsychologischen Dienst oder Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt. Beide sind gute erste Anlaufstellen und vermitteln bei Bedarf weiter. Auch der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie berät.
- Warten Sie nicht einfach ab. Bestehen deutliche Probleme, etwa noch im dritten Schuljahr, sollte möglichst zügig eine ausführliche Diagnostik erfolgen.
Üben und beobachten zu Hause
Zu Hause geht es nicht darum, eine Therapie zu ersetzen, sondern Ihr Kind zu begleiten und selbst besser zu verstehen, wo es steht. Lesen Sie gemeinsam in ruhiger Runde, ohne Zeitdruck und ohne Fehlerjagd. Achten Sie weniger auf jedes richtige Wort als darauf, wie Ihr Kind vorgeht.
Bleibt der Alltag oft angespannt, achten Sie besonders auf Vermeidung: Wenn Ihr Kind vor jedem Lesetermin Bauchschmerzen bekommt, das Lesebuch auffällig oft „vergisst“ und sich weigert vorzulesen, gehört dieser wachsende Frust häufig zum Bild dazu und ist ein guter Grund, das Gespräch mit der Lehrkraft zu suchen. Wer ergänzend zu Hause üben möchte, findet bei den kostenlosen Deutsch-Übungen von schuNa Material für ein paar entspannte Minuten. Solche Übungen sind ein nettes Extra, sie ersetzen aber weder eine qualifizierte Diagnostik noch eine Lerntherapie.
Wann Sie sich zusätzliche Hilfe holen sollten
Eine echte LRS wächst sich nicht aus. Ohne gezielte Förderung bleiben die Schwierigkeiten bestehen und können zu Schulversagen, Schulangst und seelischen Folgeproblemen führen. Deshalb ist frühes Handeln besser als Abwarten. Wenn die Anzeichen über Monate bestehen bleiben oder Ihr Kind zunehmend leidet, holen Sie sich fachliche Unterstützung über Lehrkraft, Schulpsychologie oder Kinderarztpraxis.
Bestätigt sich eine LRS, reicht klassische Nachhilfe im Sinne von mehr vom gleichen Stoff meist nicht aus. Wirksam ist nachweislich eine symptomspezifische Förderung, die direkt am Lesen und Rechtschreiben ansetzt. Allgemeine Wahrnehmungs- oder Konzentrationstrainings, die diese Schwierigkeiten „ursächlich“ beheben wollen, haben in Studien keine Verbesserung gezeigt und werden nicht empfohlen. Die passende Adresse ist eine qualifizierte, symptomspezifische Lerntherapie. Ein Verdacht ist kein Urteil über Ihr Kind und schon gar nicht über Sie als Eltern. Er ist der erste Schritt zu passender Hilfe.
Häufige Fragen
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Dieser Beitrag wurde von der schuNa-Lernredaktion erstellt und vor der Veröffentlichung fachlich geprüft. Unsere Redaktion besteht aus Pädagoginnen und Pädagogen mit Unterrichts- und Nachhilfeerfahrung. Zuletzt geprüft am 12. Juli 2026.